Der Idiotenjoker

Wir kennen ihn alle. Wir haben alle schon mit ihm Bekanntschaft machen dürfen. Und hier geht es nicht um einen Joker von "Wer wird Millionär?". Die Rede ist vom Idiotenjoker, welcher Tag für Tag zum Einsatz kommt, damit man nur irgendwie Recht behält in einer Diskussion, indem man sich aufgrund seines Ranges, Titels, usw. über seinen Diskussionspartner erheben kann.


Zur näheren Erläuterung: Der Idiotenjoker ist eine arrogante Äußerung gegenüber eines Mitmenschens, um trotz ungenügender Argumente seinen Anspruch auf ein "Ich habe Recht!" zu sichern, obwohl man sich entweder vollkommen im Unrecht befindet oder seinen Standpunkt ungenügend bis gar nicht verteidigen kann. Der Idiotenjoker wird in vielen Situationen und Variationen gebraucht. Er begegnet uns von klein auf und verfolgt uns bis zu unserem Tode.


Er verfolgt uns. Er findet uns.

Wer meint, er habe mit dem Idiotenjoker noch nie Bekanntschaft gemacht, der irrt eindeutig. Schliesslich haben wir alle es schon mal geschafft, unsere Eltern mit Fragen so sehr zu löchern, bis sie entnervt meinten "Weil es so ist. Nun frag' nicht mehr. Ich bin dein/e Vater/Mutter und habe recht!". Zugegeben, dieses Beispiel tangiert nur die Thematik, dennoch ist es die erste Berührung.


Stellen wir uns einmal vor, wir diskutieren mit dem (ehemaligen) SPD-Politiker Kurt Beck über ein politisches Anliegen, welches wir argumentativ führen und Herr Beck gehen die Argumente aus. Was passiert? "Ich bin schon seit mehreren Jahren Politiker und sie können mir glauben, wenn ich sage, dass ich im Recht bin! Suchen Sie sich erstmal einen Job!" - ja, dieses Beispiel ist frei erfunden, doch auch hier wurde der Idiotenjoker gezogen, indem auf jahrelange politische Arbeit verwiesen wurde. Zugegeben, eine jahrelange politische Arbeit ist ein Aushängeschild, jedoch kein Argument in einer Diskussion. Sonst hätte Franz Beckenbauer bei jeder Fussballfrage immer Recht, dank des Idiotenjokers. Oder Bill Gates hätte mit dem Idiotenjoker das Spam-Problem gelöst, da er 2004 behauptete, dass Spam-E-Mails ab 2006 kein Problem mehr darstellen.


Wir sehen also, der Idiotenjoker ist kein wirkliches Argument und wird meist genutzt, um sich aus Diskussionen zu schleichen, welche man wohl als Verlierer verlassen würde. Falsch ist falsch. Wer wirklich Recht haben will, der muss sich auch bei kleineren Diskussionen mit Argumenten helfen. Sicherlich bleibt es jedem selber überlassen, ob er in eine Diskussion mit einem bestimmten Gesprächspartner gehen will. Gibt er jedoch sein Einverständnis, dann sind beide Parteien existenz- und ranggleich. Leider will man das nicht immer so akzeptieren.


Woher kommt er? Was will er?

Doch woher kommt der Name "Idiotenjoker"? Zugegeben, mir ist kein passender Begriff für solch ein Verhalten bekannt. Mir gefällt jedoch diese Wortkombination, denn "Dummargument" oder "Rangspruch" sind nicht sonderlich aussagekräftig. Zumal man in meinen Augen wahrlich ein Idiot sein muss, um bewusst den Idiotenjoker immer wieder zu ziehen. Schliesslich vertritt man in der Regel eine Meinung, die man auch begründen und vertreten kann. Wird mir aufgezeigt, dass dies nicht der Fall ist, so müsste ich als kluger Mensch meine Position zu der Thematik überdenken. Diskussionen sind im eigentlichen Sinne auch mehr als Schulmittel gedacht. Wir denken zurück an die Antike, als Philosophen unterrichteten. Nicht, indem sie mit Kreide irgendwelche Symbole auf den Boden zeichneten, sondern indem sie ihre Schüler lehrten, jegliches Argument zu hinterfragen. Und das taten sie auch.


Ist man also nicht in der Lage, eine Diskussion als Fördermittel zu betrachten, verharrt auf einer Meinung, die widerlegt wurde und die man auch eigentlich nicht mehr vertreten kann, so ist das dumm. Versucht man dann aber auch noch seinen Gesprächspartner mundtot zu machen, indem man seinen Rang ins Spiel bringt, welcher gar nichts zur Diskussion beiträgt, so ist man eindeutig ein Idiot. Es ist, als wenn man von einer Regierung hingerichtet wird, nur weil man argumentativ widerlegt, dass die Erde keine Scheibe ist. Oh, wartet. Hatten wir das nicht schon mal?


Das Nachspiel des Idiotenjokers.

Doch wie verhält man sich, wenn der Diskussionspartner den Idiotenjoker zieht? Ich habe im Laufe der Jahre viele Wege untersucht. Zuerst sah ich es als Startsymbol, noch mehr Argumente einzubringen. Die Reaktionen meiner Diskussionspartner waren Anfeindungen und Beleidigungen. Auch ein einfaches Schweigen zu der Thematik brachte nichts, denn die Diskussionspartner fühlen sich dann im Recht und diskreditieren dich als Folge ihrer Inkompetenz. Doch ich denke, dass eine Reaktion richtig und angemessen ist: Ich stehe auf, schüttel euphorisch die Hand meines Diskussionspartners und gratuliere ihm zu seinem treffenden Argument, um dann das Weite zu suchen. Denn schliesslisch wird auch er eines Tages mit dem Idiotenjoker Bekanntschaft machen.
13.10.12 16:23
 


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